Lokalisierung - Modewort oder aktuelle Herausforderung?
Immer wieder kann man es erleben, dass in der deutschen Sprache plötzlich neue Begriffe oder Benennungen auftauchen, hinter denen sich bei näherer Betrachtung altbekannte Sachverhalte verstecken. Ob "Raumpflegerin" als inzwischen teilweise eingebürgerte Benennung für die Putzfrau oder "Azubi", der den Lehrling verdrängt hat: Meistens lösen solche Wortschöpfungen zunächst nur ein Schmunzeln aus. Verhält es sich mit der Lokalisierung ähnlich?
- Der komplexe Prozess der Übersetzung im Unternehmensgeschehen
- Globalisierung
- Internationalisierung & technische Dokumentationen
- Lokalisierung
- Übersetzung
- Technische Dokumentationen für die Übersetzung vorbereiten
- Zum Autor: Wolfgang Sturz
Der komplexe Prozess der Übersetzung im Unternehmensgeschehen
Eines steht fest: Übersetzungsprozesse werden immer komplexer und sind immer mehr zwischen vor- und nachgelagerten Arbeitsschritten in einem umfassenden Arbeitsfluss (Workflow) eingebettet. Die folgenden Definitionen sollen den Übersetzungsprozess hierarchisch in das Unternehmensgeschehen einordnen:
- Das Übersetzen ist der Vorgang, bei dem ein ausgangssprachliche Texte (ob technische Dokumentationen oder Epik) in einen anderssprachigen Zieltext umgesetzt wird. Ziel ist es, die Inhalte des Ausgangstextes möglichst unverfälscht in die Zielsprache zu übertragen. Die Übersetzung insbesondere technischer Dokumentationen kann jedoch nur dann wirklich nutzbringend sein, wenn sie als Teilaufgabe im Rahmen eines umfassenden Lokalisierungsprozesses stattfindet.
- Die Lokalisierung ist die Anpassung eines Produktes (oder einer Dienstleistung) an einen neuen Sprach- und Kulturraum. Neben dem Prozess der Übersetzung beinhaltet die Lokalisierung also auch die Anpassung an landesspezifische oder kulturelle Gegebenheiten. Damit diese Lokalisierung wirtschaftlich erfolgen kann, sollte das Produkt oder die Dienstleistung im Vorfeld "internationalisiert" werden.
- Die Internationalisierung beginnt bei Produkten bereits zum Zeitpunkt der Produktkonzeption. Im Rahmen der Internationalisierung werden Produkte in einen kultur- und sprachunabhängigen Produktkern und in kultur- bzw. sprachraumabhängigen Produktvariablen gegliedert. Der Produktkern wird global unverändert eingesetzt, während die Variablen von Land zu Land bzw. von Sprachraum zu Sprachraum adaptiert werden. Die Entscheidung zur Internationalisierung, die zum Zeitpunkt der Produktentwicklung ja zunächst mit höheren Kosten einhergeht, bedingt eine unternehmerische Grundsatzentscheidung im Hinblick auf eine Globalisierung.
- Die Globalisierung ist eine unternehmenspolitische Entscheidung, in der festgelegt wird, dass das Unternehmen Produkte für den Weltmarkt (und in aller Regel auch auf dem Weltmarkt) produziert. Bei der Entscheidung zur Globalisierung muss es sich jedoch um mehr als um eine Entscheidung für einen weltweiten Vertrieb handeln. Nur Unternehmen, die langfristig bereit sind, sich mit ihren Produkten an die sprachlichen und kulturellen Erwartungen ihrer Zielgruppen anzupassen, werden langfristig global erfolgreich sein und bleiben.
In den folgenden Abschnitten wird in einer Top-Down-Vorgehensweise näher auf die vier Schlüsselbegriffe Globalisierung, Internationalisierung, Lokalisierung und Übersetzen eingegangen.
Globalisierung
Die Globalisierung stellt also eine unternehmenspolitische Entscheidung bzw. eine unternehmenspolitische Strategie dar. Globalisierung setzt dabei mehr voraus als nur die Entscheidung, Produkte auch zu exportieren. Globalisierung erfordert eine globale Betrachtung der eigenen Position im Weltmarkt - insbesondere aber eine globale Betrachtung der Einsatzmöglichkeiten der eigenen Produkte auf den spezifischen Einzelmärkten.
Die Globalisierung umfasst wesentlich mehr Aspekte als nur das Produkt. Unternehmen, die globalisieren möchten, müssen zunächst ihre Produkte für den Weltmarkt konzipieren. Aber auch alle anderen peripheren Unternehmensaktivitäten wie Marketing, Vertrieb, Schulung usw. sind unter diesem Aspekt der Globalisierung zu betrachten. Nur mit einer solchen Unternehmensentscheidung zur Globalisierung können die einzelnen Schritte, die zur Umsetzung dieser Strategie erforderlich sind, sinnvoll geplant und anschließend umgesetzt werden.
Internationalisierung & technische Dokumentationen
Die Internationalisierung hat zunächst Auswirkungen auf das Produkt als solches. Dies muss gemäß den einleitenden Definitionen so ausgelegt sein, dass das Produkt durch Anpassung bestimmter Variablen schnell in allen globalen Märkten einsetzbar ist.
Selbstverständlich bezieht sich die Internationalisierung dabei auch auf die technischen Dokumentationen des Produkts, die Bestandteil des komplexen Mensch-Maschinen-Schnittstellensystems sind. Technische Geräte oder Produkte (dies gilt auch für EDV-Programme) werden durch Menschen bedient und genutzt. Die Kommunikation erfolgt dabei stets über eine Mensch-Maschine-Schnittstelle, die wiederum in Teilbereichen sprach- und kulturneutral sein muss bzw. sein sollte.
In diesem Kontext wird häufig von einem Produktkern gesprochen, der global betrachtet immer gleich bleibt. Es kann sich dabei um ein EDV-Programm aber auch um etwas handfesteres wie z.B. um einen PKW ohne länderspezifisches Zubehör handeln.
Der wichtigste Schritt bei der Frage der Internationalisierung ist eine vorausblickende Planung. Die unveränderlichen Eigenschaften eines Produktes oder einer Software müssen sehr frühzeitig und bereits während der Entwicklung festgelegt werden. Nachbesserungen sind oft schwierig, manchmal unmöglich und immer kostspielig.
Die Lokalisierungsvariablen lassen sich in produktbezogene und dokumentationsbezogene Variablen einteilen:
- Produktbezogene Lokalisierungsvariablen sind z.B. technische Merkmale wie die Spannungsversorgung von technischen Geräten. Dazu gehören aber teilweise auch gesetzlich vorgeschriebene Details wie Sicherheitseinrichtungen, Position und Auslegung von Not-Aus-Schaltern und dergleichen mehr. Bei EDV-Systemen ist z.B. zu bedenken, dass Tastaturen von Land zu Land unterschiedlich sein können.
- Neben den produktbezogenen Lokalisierungsvariablen sowie den jeweils an einen Sprachraum anzupassenden Benutzerschnittstellen enthalten die Dokumentationen für technische Produkte eine Vielzahl von Lokalisierungsvariablen. Dies können z.B. unterschiedliche Zeichensätze sein. Bei der Konzeption von Dokumentationen ist jedoch nicht nur auf die Zeichensätze, sondern auch auf das Layout zu achten. In aller Regel ist eine Übersetzung nämlich länger als der deutsche Ausgangstext der technischen Dokumentationen, manchmal bis zu 30%. Wenn für solche Expansionen im Layout kein Platz gelassen worden ist, wird nach einer Übersetzung der gesamte Seitenumbruch zerstört.
Lokalisierung: technische Dokumentationen, Software-Übersetzung und mehr...
Bei der Lokalisierung werden entsprechend vorbereitete Produkte, Programme oder Dienstleistungen und ihre Dokumentationen nun an nationale Märkte angepasst. Die Lokalisierung umfasst also die letzten Arbeitsschritte, die erforderlich sind, um ein Produkt für einen anderen Markt tauglich zu machen. Neben den im Rahmen der Internationalisierung beschriebenen Produktmerkmalen sind bei der Lokalisierung durchaus auch kulturelle Aspekte zu berücksichtigen.
Bei technischen Dokumentationen stellt sich häufig die Frage, inwieweit bei der Übersetzung durch den Übersetzungdienst kulturelle Aspekte zu beachten sind. In diesem Kontext werden zwei gegensätzliche Thesen kontrovers diskutiert:
- These: Technische Dokumentationen sind kulturneutral, da sie ausschließlich objektive technische Sachverhalte beschreiben.
- Gegenthese: Auch technische Dokumentationen können nicht kulturneutral sein, da der Informationsgehalt von technischen Dokumentationen stets abhängig ist von dem Vorwissen und der Vorbildung der Leser. Dies ist zwangsläufig von Sprachraum zu Sprachraum unterschiedlich.
Die Wahrheit wird - wie üblich - irgendwo in der Mitte liegen. Je besser technische Dokumentationen geschrieben sind, desto objektiver ist auch die Beschreibung technischer Sachverhalte. Damit geht eine einfachere Übertragung in andere Sprach- und Kulturräume einher. Auch heute sieht man jedoch noch häufig technische Dokumentationen, in denen mit Wortspielereien, bildhaften Beispielen und Vergleichen gearbeitet wird.
Es gilt folgende Kausalkette:
- Technische Dokumentationen müssen inhaltlich korrekt sein.
- Inhaltlich korrekte technische Dokumentationen müssen sachlich sein.
- Sachliche Dokumentationen müssen prägnant und präzise formuliert sein.
- Prägnante und präzise Texte sind in aller Regel kürzer.
- Prägnante und präzise Texte sind in aller Regel besser verständlich.
- Prägnante und präzise Texte sind in aller Regel besser übersetzbar.
- Prägnante und präzise Texte sind in aller Regel kürzer und können deshalb zu geringeren Kosten übersetzt werden.
Möglichst prägnant und präzise formulierte Dokumentationen führen also zu einer direkten Reduzierung des Übersetzungsvolumens und der Übersetzungskosten - wohlgemerkt bei gleichzeitiger Verbesserung der Qualität der Übersetzung.
Übersetzung
Der eigentliche Übersetzungsvorgang als Teilaufgabe des Lokalisierungsprozesses bleibt selbstverständlich Kern einer Lokalisierung. Das automatische Maschinenübersetzen - ein Bereich, in dem seit den 50er Jahren geforscht wird - bietet auch heute noch nicht die Qualität, um einen Humantranslator ohne Wenn und Aber zu ersetzen. Humantranslatoren (Neudeutsch für Übersetzer) hingegen können heute aber nicht mehr ohne den EDV-Einsatz arbeiten. Hier hat sich im Laufe der Jahre eine optimale Symbiose entwickelt:
- Am weitesten verbreitet ist der Einsatz der EDV für die Terminologieverwaltung - gerade technischer Dokumentationen. Jedes Unternehmen, das sich der Globalisierung verschrieben hat, sollte ein firmeninternes Glossar entwickeln und pflegen, in dem die firmenspezifischen Begriffe präzise definiert und auch übersetzt sind. Häufig wird dabei leider vergessen, dass konsequente fremdsprachliche Terminologiearbeit von einer konsequenten deutschen Terminologiearbeit abhängig ist. In diesem Bereich gibt es noch große Entwicklungspotentiale.
- Die automatische Maschinenübersetzung, für die es heute bereits für wenige hundert Mark EDV-Lösungen auf dem Markt gibt, erfüllt immer noch nicht die Anforderungen, die an die Übersetzung technischer Dokumentationen gestellt werden. Bis auf wenige Ausnahmen haben die meisten Unternehmen, die im Laufe der Jahre erhebliche Mittel in Forschungsarbeiten auf diesem Gebiet investiert haben, sich wieder zurückgezogen.
- Ein relativ neues Konzept ist das der Translation Memories. Dabei werden
in großen Datenbanken komplette Sätze des Ausgangstextes zusammen
mit der kompletten Übersetzung in der Zielsprache gespeichert. Sobald
der gleiche Ausgangstext wieder auftritt (solche Wiederholungen sind in technischen
Dokumentationen sehr üblich, insbesondere bei den häufig erforderlichen
Aktualisierungen), wird die bereits in der Datenbank gespeicherte Übersetzung
dem Übersetzer angeboten. Der Übersetzer kann dann am Bildschirm
entscheiden, ob er diesen Datenbankvorschlag übernimmt oder geringfügig
ändern oder anpassen möchte.
Auch solche Systeme setzen eine Einbindung in ein umfassendes und gut strukturiertes Dokumentationssystem voraus. Nur wenn bereits beim Schreiben von Dokumentationen bewusst auf viele wörtliche Wiederholungen geachtet wird, lassen sich solche Translation Memories wirtschaftlich und nutzbringend einsetzen.
Technische Dokumentationen für die Übersetzung vorbereiten
Abschließend sollen in einer Art Checkliste noch einige bunt zusammengewürfelte Tips zusammengefasst werden, die bei frühzeitiger Beherzigung die spätere Lokalisierung eines Produktes und Übersetzung seiner Dokumentationen durch den Übersetzungsdienst beachtlich vereinfachen können:
- Vermeiden Sie Abkürzungen im Ausgangstext.Ihrer Dokumentationen
- Setzen Sie möglichst keine Cartoons ein,
diese können in anderen Kulturen völlig
deplaziert wirken.
- Personen in Zeichnungen sollten keine Gebärden
darstellen, weil diese je nach Kulturraum sehr unterschiedlich
interpretiert werden können.
- Verzichten Sie in Ihren Dokumentationen auf einen unreflektierten Einsatz
von Farben. Signalfarben können in verschiedenen Kulturräumen völlig
unterschiedliche Bedeutungen haben.
- Bedenken Sie die unterschiedliche Verwendung von
Währungseinheiten bzw. von technischen Einheiten.
- Bedenken Sie, dass in unterschiedlichen Sprachräumen unterschiedliche
Papierformate verwendet werden. Überlegen Sie deshalb, ob Ihre Dokumentationen
unbedingt in einem nationalen Papierformat (wie z.B. DIN A4 in Deutschland)
oder besser in einem anderen Format gedruckt werden sollen.
- Bei Namen von Beispielfiguren (z. B. "Nun
kann Herr Smith...") sollte ein ähnlich
gängiger Name in der Zielsprache verwendet
werden. Es ist nicht sinnvoll, die Namen wörtlich
zu übersetzen oder stehen zu lassen.
- Beachten Sie, dass bestimmte Symbole in bestimmten
Sprach- und Kulturräumen heilig sein können.
- Beachten Sie, dass nationale Normen, die
in Ihrem Land sehr gängig sind, im Ausland
normalerweise nicht vorliegen bzw. unbekannt sind.
- Beachten Sie die unterschiedlichen Datums- und
Zeitformate in unterschiedlichen Sprachräumen.
- Vermeiden Sie nach Möglichkeit einen Bezug
auf länderspezifische Gegebenheiten wie bestimmte
Behörden, Ämter oder ähnliches, die
es als solche im Ausland nicht gibt.

Zum Autor
Hier finden Sie eine Kurzbiographie des Autors Dr.-Ing. Wolfgang Sturz.
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